
Lieber Markus, liebe Tula,wir wünschen Euch ein gesegnetes und erholsames Weihnachtsfest sowie Gottes Segen und viel Kraft für das neue Jahr. Mit der beigefügten Geschichte möchten wir Euch auf die besondere Freude an Weihnachten hinweisen, die manchmal etwas aus dem Blick geraten kann.
Viele liebe Grüße Rosie, Thomas, Melissa und Pascal
Seit
langem ist Sabine nicht in der Kirche gewesen. Aber jetzt, nach dem Bummel über
den Weihnachtsmarkt, friert es sie durch und durch, und der Bus fährt erst in
dreißig Minuten. So gibt sie sich einen Ruck, drückt auf die eiserne Klinke,
die fast in Augenhöhe angebracht ist, und öffnet die schwere Holztür. Zögernd
betritt sie das Foyer. Durch riesige Glaswände ist es vom Kirchenschiff
abgetrennt. Eine umfangreiche Pinnwand mit Zetteln, Postern und kirchlichen
Bekanntmachungen erweckt Sabines Interesse:
“Die
schönsten Arien aus dem Weihnachtsoratorium am 3. Adventssonntag um 17.00 Uhr”
liest sie auf einem großen Plakat. Ein kleineres, bescheiden anmutendes lädt
ein zur “Christvesper mit unseren Jungscharkindern am
Heiligabend um 16.30 Uhr”.
Sabine
späht verstohlen ins Kirchenschiff. Es scheint leer zu sein. Unerwartet leicht
lässt sich die dicke Glastür nach außen aufziehen. Wärme strömt Sabine
entgegen. Es riecht nach Tannen. Im schwach erleuchteten Chorraum erheben sich
zwei riesige Christbäume, über und über mit Strohsternen geschmückt. Langsam
und vorsichtig auftretend, um das Geräusch ihrer Stiefelabsätze zu dämpfen,
geht Sabine den Mittelgang entlang nach vorn und bleibt vor den Stufen stehen,
die zum Chorraum hinaufführen. Auf dem spiegelglatten Steinboden vor dem Altar
liegen bemalte Pappen und einige aufgeschichtete Holzscheite.
Sabine
geht einige Schritte zurück, schiebt sich seitlich in eine Bankreihe und setzt
sich. Die Stille ist ungewohnt, aber Sabine empfindet sie als wohltuend. Nur
wenige Meter vom geschäftigen, lauten Markttreiben entfernt ist sie hier in
einer anderen Welt. Einige flackernde Kerzen auf den Altarstufen ziehen Sabines
Blicke auf sich. Ihre Gedanken beginnen zu wandern. Ihre Hochzeit, die Taufen
und Konfirmationen der Kinder: Alles hatte hier in dieser Kirche stattgefunden.
Wie
oft schon hatte sie den Segenszuspruch der Pfarrer entgegengenommen und auch im
Alltag ganz bewußt mit Gottes Wirken gerechnet. Wie
viel Gutes hatte sie auch wirklich im Lauf ihres Lebens erfahren. Segen: Gutes
aus Gottes Hand und aus Menschenhand. Manchmal auch Schweres, aber immer viel
Freude und Momente des Glücks. Bis zu dem Tag, an dem sie den Brief auf ihrem
Kopfkissen fand. “Es tut mir leid. Ich habe eine andere Frau lieb gewonnen.
Verzeih mir bitte!”, stand da in der Handschrift ihres Mannes. Sabines Welt war
zusammengebrochen - und ihr Glaube dazu.
Seit
Jahren lebte sie nun schon mit den Kindern allein. Die wurden langsam flügge
und zumindest die Großen brauchten sie nur noch wenig.
Hoffentlich
bleiben sie wenigstens Heiligabend zu Hause, denkt Sabine und hat doch in
Wirklichkeit keine Hoffnung. Die beiden Ältesten würden wohl gleich nach der
Bescherung verschwinden und mit Freunden feiern. Und die Kleine sollte sowieso
schon nachmittags von ihrem Vater abgeholt werden und die Weihnachtstage bei
dessen neuer Familie verbringen. Traurige, einsame Festtage werde ich in diesem
Jahr haben, denkt Sabine und gibt sich gleich darauf einen Ruck: Dieses
schreckliche Selbstmitleid!
Im
gleichen Moment ist es auch mit der äußeren Stille vorbei. Die Tür der
Sakristei wird aufgerissen und eine lärmende Schar von Jungen und Mädchen
stürmt in den Altarraum. “Macht doch nicht solchen Krach, Kinder!” Die Stimme
gehört einer jungen Frau, die als Letzte herein kommt. Mit großen Schritten
durcheilt sie den Altarraum, überwindet flink die drei Stufen nach unten und
wirft ihren Mantel über die Banklehne der ersten Reihe. Gerade will sie sich
setzen, als sie Sabine bemerkt, die zwei Reihen weiter hinten sitzt. Sabine
steht schnell auf und ruft der jungen Frau zu: “Ich geh schon. Ich will Sie
nicht stören.”
“Nein,
nein! Sie stören doch nicht. Bleiben Sie ruhig hier!” Die Frau macht eine
beschwichtigende Handbewegung. Sabine nickt und nimmt wieder Platz. Sie wirft
einen Blick auf ihre Uhr: Sie kann noch eine Viertelstunde bleiben. “Seid ihr
so weit?” Die junge Frau wendet sich den Kindern zu. “Wir proben noch mal die
Szene auf dem Feld. Stellt die Pappschafe auf und geht auf eure Plätze! Markus,
knips bitte die beiden Taschenlampen unter dem Holz an.
-
Ja, so sieht es einigermaßen nach Lagerfeuer aus. Also, fangt an!” Die Kinder
sind mit alten Pelzmänteln und löcherigen Felljacken, Schlapphüten und langen
Stöcken ausstaffiert. Unverkennbar sind hier Hirten versammelt, Hirten auf den
Feldern von Bethlehem.
Der
größte von ihnen, ein blonder Junge mit Lockenkopf, beginnt: “Brüder, es ist
kalt geworden. Kommt, rückt näher ans Feuer und wärmt euch!” Unter Gemurmel
schlurfen die Hirten von den Seiten näher an das Lampen-Lagerfeuer heran. Zwei
kauern sich nieder und reiben ihre Hände vor den “Flammen”.
Plötzlich
wirft ein Scheinwerfer grelles Licht in ihre Mitte. für kurze Zeit sind die
Hirten geblendet und weichen erschrocken einige Schritte zurück. Schreckensrufe
werden laut: “Was ist das? - Herr, hilf!” Auch Sabine muß
kurz die Augen schließen. Als sie sie wieder öffnet, sieht sie von einer Seite
des Altarraums einen als Engel verkleideten Jungen auf die Hirten zugehen. Mit
klarer Stimme beginnt er zu sprechen: “Habt keine Angst, ihr Hirten! Der
Höchste hat mich zu euch geschickt. Ich
bringe euch ...!”
Er
gerät ins Stocken. “Ich bringe euch...!” Auch ein verzweifelter Blick an die
Decke hilft ihm nicht weiter. Die anderen Kinder stöhnen und verdrehen die
Augen. “Scheinwerfer aus!” Die junge Frau ist hastig aufgesprungen. Sabine hört
Ärger in ihrer Stimme. “Freude! Ich bringe euch Freude! Wir haben das doch
schon so oft geübt. Ich versteh einfach nicht, dass du an dieser Stelle immer
nicht weiter weißt. Versuch´s noch mal, Christian.
Und denk an die Freude! Konzentrier dich auf die Freude!”
Sabine
hört nicht mehr zu, als die Kinder weiter proben. Sie bekommt nicht mit, dass
der Engel schließlich seinen Text ohne Schwierigkeiten spricht und die Probe
auch sonst reibungslos verläuft. Der letzte Satz der jungen Frau hat Sabine
tief getroffen: “Konzentrier dich auf die Freude!”
Sabine
hat den starken Eindruck, dass Gott dadurch direkt zu ihr gesprochen hat. Auf
was habe ich mich in den letzten Jahren
konzentriert? Ständig bin ich um meine Sorgen und Ängste gekreist. Dabei
sollte ich die Freude fest im Auge behalten, die der Engel damals den Hirten
angekündigt hat. Die Hauptsache festhalten: Jesus ist in eine kaputte, dunkle
Welt gekommen, um die Menschen der Finsternis zu entreißen und sie heil zu
machen. So kommt er auch noch heute zu den Menschen, die sich auf ihn
einlassen. Und er bringt Freude mit.
Ich
habe zugelassen, dass mein Leben sich verfinsterte, weil ich Jesus ausgesperrt
habe. Ich war von ihm enttäuscht und drehte ihm den Rücken zu. Dabei hätte ich
ihn gerade in der schwersten Zeit gebraucht. Ich habe mich all die Jahre selbst
um die Quelle des Trostes, der Kraft und der Freude gebracht. Dabei hatte ich
es doch vorher so oft geübt, diese Quelle anzuzapfen...Bietet mein verschmähter
Herr mir hier neu die Freude an? Seine Freude?
Der
freundliche Gruß: “Auf Wiedersehn, und ein gesegnetes
Fest!” reißt Sabine aus ihren Gedanken. Sie blickt hoch und sieht die junge
Frau vor sich stehen, die sich mit diesen Worten von ihr verabschiedet. “Danke,
gleichfalls!”, erwidert Sabine. “Und vielen Dank auch für Ihre Worte.” - “Meine
Worte? Was meinen Sie?” Die junge Frau zieht die Stirn in Falten. “Das mit der
Konzentration auf die Freude”, antwortet Sabine. “Ach so! Na, das war
eigentlich nicht so schön, dass ich da die Geduld verloren habe. Aber wir haben
diese Stelle schon so oft...” “Nein, nein!”, fällt Sabine ihr ins Wort. “Das mußten Sie wohl sagen. Das war für mich sehr wichtig. Und
deshalb habe ich mich dafür bedankt. Bitte sagen Sie auch Christian einen Gruß
und Dank von mir.”
Der
Bus ist längst weg, als Sabine endlich die Kirche verläßt.
Sie muß auf den nächsten warten. Aber das stört sie
nicht. Auch nicht die schneidende Kälte und der beginnende Schneefall. Sie ist
wieder auf den Zug aufgesprungen, den sie lange Zeit für abgefahren gehalten
hat.
Eine
Geschichte zu Weihnachten von Susanne Hornfischer